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Vier Wochen Sambia

Die Schülerinnen und Schüler der Arbeitsgemeinschaft "Friends with Kasisi" unterstützen ein Landwirtschaftsprojekt der Jesuiten in Sambia. Vom 19. März bis 17. April verbrachte die Gruppe zusammen mit ihrem Lehrer Stefan Seeherr vier eindrucksvolle Wochen in Kasisi - ein Erfahrungsbericht:
Es geht dann alles doch ganz schnell: Von der Zusage, mit Herrn Seeherr nach Sambia zu reisen, bis zur Abreise ist dann doch gar nicht so viel Zeit. Packlisten müssen abgearbeitet, letzte Besorgungen getätigt, Formalia und Informalia beachtet werden. Dann ist es soweit: mit dem Auto, Zug und Bus nach Frankfurt, von dort über Doha in 17 Stunden nach Lusaka.
„Herr Seeherr, da fährt ein Traktor auf der Landebahn!“ Afrika scheint tatsächlich ein wenig anders zu sein als das so gewohnte Europa.
Auch das Wetter ist anders. Während wir Deutschland bei 12 Grad und nasskaltem Märzwetter verlassen haben, erscheinen 28 Grad und 70 % Luftfeuchtigkeit beim Verlassen des Flugzeugs wie ein Schlag ins Gesicht. Es braucht ein paar Tage, bis unsere Körper sich von der wärmenden, aber ermüdenden afrikanischen Sonne erholen. Pater Claus Recktenwald empfängt uns freudestrahlend am Flughafen, geht doch ein Herzensprojekt von Herrn Seeherr und ihm in die erste Runde. Jugendliche sollen das Projekt 20 Kilometer vor den Toren der sambischen Hauptstadt kennenlernen und in den Austausch treten mit Jung und Alt vor Ort – besonders gewinnbringend wäre dieser Austausch, wenn Jugendliche aus der ganzen Welt hier ihre Erfahrungen und Zukunftshoffnungen hier teilen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg.
„Herr Seeherr, können Sie uns einen Plan schicken, auf dem wir das Programm der vier Wochen Reise sehen?“ Auf Anfrage lächelt Claus Recktenwald. Hier in Sambia sind Pläne schwierig zu erstellen, da viele spontan geschehen muss. Dies hängt mit dem Kasisi Agricultural Training Center (KATC) als landwirtschaftliche Einrichtung zusammen, aber auch mit den sich oft täglich erst aufkommenden Chancen, verschiedene Aktivitäten zu vereinbaren, abhängig von Menschen und Möglichkeiten.
Wir lernen in den ersten Tagen die Mission Kasisi kennen, die seit Beginn des 20 Jahrhunderts dort ein Retreat, Schulen und ein Waisenhaus betreibt und geleitet wird von einem polnischen Frauenorden mit heute vornehmlich sambischen Mitgliedern. Hier können wir in den nächsten Wochen mittags und abends regionale Köstlichkeiten essen, die die Sisters frisch zubereiten, darunter Shima, das griesähnliche Grundnahrungsmittel der Region, zubereitet aus Maismehl. „Mir hat es immer geschmeckt“, sagt einer der Mitreisenden nach der Reise. Für andere ist die Diät aus Shima mit viel Fleisch und wenig europäischen Beilagen gewöhnungsbedürftig. Macht nichts, die Begeisterung ob der kommenden Wochen ist groß. Wir gehen unsere ersten Schritte im KATC, wo wir diejenigen kennenlernen, die unsere Zeit dort intensiv prägen sollen: vorneweg Astrida, Chisha und Gabriel, die drei Diplomanden des KATC, die in zwei Jahren das Diplom zum ökologischen Landwirt erlangen. Sie führen uns übers Gelände und erzählen uns begeistern von Projekten und Motivation.
Die ersten zweieinhalb Wochen bestehen aus Zeit meist im KATC. Wir helfen mit, zwischen den inzwischen etwa 50 cm hohen Maispflanzen zu jäten und den trockenen Mist als Dünger zu verteilen. Nichts, was hier an die Pflanzen kommt, ist chemisch. „The way back to living and working with nature is the key to sustainable agriculture”, sagt Gabriel. Eine wichtige, aber seltene Erkenntnis, wenn man das Gebaren der großen Samenunternehmen im südlichen Afrika betrachtet. Anderthalbfache Profite mit Hybridmais, und das gleich zwei Jahre nacheinander, sind die Versprechen der konventionellen Landwirtschaft. Da greifen viele Landwirte und Landwirtinnen zu, sind sie doch meist so mittellos, dass es oft nicht einmal fürs Alltägliche reicht. Dass nach zwei Jahren der Boden ausgelaugt ist und die Bäuerinnen und Bauern ihre Felder oft nur teuer mit Dünger und Pestiziden bewirtschaften können, davon spricht niemand.
Agroecology, wie die Rückkehr zur natürlichen Landwirtschaft heißt, ist das Kernelement des KATC, sowohl in der Lehre als auch im eigenen Handeln. So werden vom 500 Hektar umfassenden Landstrich des Centers etwa 150 Hektar nach ebendiesem Konzept bewirtschaftet. Viel Handarbeit und Symbiosen zwischen dem Angebauten und Pflanzen, die unbewanderte BeobachterInnen als Unkraut bezeichnen würden, prägen die Felder, auf denen hauptsächlich Soja- und andere Bohnen, Mais, Sorghum, Sonnenblumen, aber auch Gras für die Viehwirtschaft angebaut werden. Was beeindruckt, ist die Anzahl der Helfenden auf dem Feld. Für die Sonnenblumenernte im Mai und Juni werden Scharen an Helfern engagiert, die in Handarbeit die Köpfe der Sonnenblumen auf den Anhänger des KATC werfen. Wirtschaftlich ist das nur, da manuelle Arbeit sehr viel günstiger ist als in der westlichen Welt.
Im KATC wurde vor knapp 5 Jahren eine Recyclingstation für Plastikflaschen eingerichtet. Sie liegt wegen Zeitmangel seit längerem brach. Wir treffen uns mit den drei DiplomandInnen des KATC dort und werfen den Plastikschredder an. Er läuft wie am Schnürchen, was uns motiviert an die Arbeit gehen lässt. Der riesige Haufen an Plastikflaschen, der den Schuppen dominiert, wird nach Farben sortiert und wir starten damit, die Flaschen zu kleinen Plastikschnipseln zu schreddern. Leider hat es nicht mehr geklappt, die Spritzgussform in Deutschland zu besorgen, mithilfe derer diese Schredder zu neuem Leben verholfen werden kann – ein wichtiger Schritt in einem Land, in dem jedweder Müll entweder in Senken deponiert oder verbrannt wird. Astrida und ihre Kollegen haben hier die Gelegenheit, in den nächsten Monaten etwas Geld zu verdienen, das als Aufstockung der umgerechnet 15 Euro, die sie zusätzlich zur Verfügung haben, dienen kann. Insofern sie sich an die Arbeit machen.
Die Bohnenernte ist mühsam und eintönig. Stundenlang bücken wir uns und sammeln die reifen Hülsen ein. Nach insgesamt 5 Stunden haben wir tatsächlich nur drei Säcke füllen können. Die Erkenntnis, dass Landwirt in Sambia zu sein ein Knochenjob ist, ist nur eine der vielen, die wir in den vier Wochen machen dürfen.
Weitere Erkenntnisse sollen folgen, auch auf den zwei Reisen, die wir in den letzten 10 Tagen unserer Zeit in Sambia unternehmen. Mit unserem Pickup machen wir uns auf den Weg nach Livingstone – 500 Km in 9,5 Stunden dank strenger Geschwindigkeitsbeschränkungen. Und beeindruckend sind sie, das erleben auch wir. Auf 1,7 Km Breite stürzen sich jetzt zum Ende der Regenzeit die besonders voluminösen Wassermassen in die 108-Meter-Tiefe. Die aufwirbelnde Gischt hat zwei Effekte: einmal kann man die dem Fall nahe Fußbrücke nur triefnass überqueren. Der andere Effekt zeigt sich ab 21 Uhr: der Vollmond ist so hell, dass er in der Gischt einen Regenbogen wirft. Staunend werden die langzeitbelichtenden Kameras gezückt. Da wird die aufregende Zeit im wunderschönen Hostel in Livingstone fast zur Nebensache.
In Deutschland sind derzeit Osterferien und unsere KlassenkameradInnen hatten zudem die Chance, auf ihrer Klassenfahrt tolle Erlebnisse zu machen. Wir sind uns aber einig, dass die Reise nach Sambia ein mindestens ebenbürtiger „Ersatz“ ist, nicht zuletzt, als wir auf unserer zweiten Reise die ersten Elefantenhintern im Lower Zambesi National Park durch den dichten afrikanischen Busch blitzen sehen. Es folgen drei Tage in einer Welt, die wir nur aus Filmen kennen: Herden von Antilopen und Gazellen, Elefanten und Raubkatzen, Nilpferde und Krokodile, die (zum Glück nur theoretisch) uns auch im nicht umzäunten Camp am Zelt besuchen könnten. Die Nächte am Lagerfeuer sind magisch, die Laute der Tiere nachts aufregend, da sind die von den Affen im Camp geklauten Kartoffeln schnell verkraftet.
Ein letztes Highlight erfolgt am Tag vor unserem Abflug. Das Extension-Team, das sich um den Kontakt mit den Bäuerinnen und Bauern kümmert, die irgendwann einmal im KATC eine Ausbildung genossen haben, organisiert ein Treffen mit einem Bauern, der das Agroecology-Konzept nicht nur umgesetzt hat, sondern mit jeder Faser seines Handelns lebt. Er versucht, sein komplettes Landwirtschaften nach nachhaltigen Maßstäben auszurichten und überzeugt dabei sogar Inspekteure, die stark zweifeln. Kein Antibiotikum für seine Tiere, sondern Chili, Knoblauch und Ingwer, darüberhinaus nur organischer, natürlicher Dünger für seine Pflanzen und dennoch gesunde Flora und Fauna? Seine Felder und Ställe bezeugen das Konzept.
Wir haben im Anschluss die Ehre, Moses kennenzulernen, einen traditionellen Headman eines Dorfes mit 106 Familien. Auch er lebt die Erfolgsgeschichte des KATC und versucht, die Fertigkeiten in seinem Umfeld publik zu machen. Auf die Frage, weshalb sich das organische Landwirtschaften nicht wie ein Lauffeuer verbreitet, schüttelt er nachdenklich den Kopf. „It takes time to change conventions“, sagt er. Wir lassen ihn leider verständnislos zurück, als wir seine Frage, ob wir alle Landwirte und Landwirtinnen werden würden, höflich bestimmt verneinen.
Der Austausch und das Leben mit unseren inzwischen guten sambischen Freunden und Freundinnen nimmt schöne Züge an. So ist das Bild Gabriels beim Spätzle-Schaben am deutsch-sambischen Koch-Abend ein lustig-eindrückliches. Und die Pfannkuchenschlacht am letzten Abend, an dem unsere neu gewonnenen Freundinnen und Freunde, aber auch die Jesuiten der Kommunität teilnehmen, gewinnt (natürlich) Leonard. Mit 7 verspachtelten Pfannkuchen.
Der Traum aller Beteiligten ist, dass der Austausch im nächsten Jahr auch von Sambia nach Deutschland erfolgt. Wir sind dafür auf Spenden angewiesen, denn Astrida, Chisha und Gabriel können die insgesamt etwa 8000 Euro teure Reise unmöglich selbst finanzieren. Wenn Sie uns unterstützen mögen, sind wir für Spenden jeder Höhe auf das Spendenkonto des Kollegs, DE90 6805 2230 0000 0888 80, sehr dankbar. Bitte geben Sie als Verwendungszweck „friends with Kasisi“ an.
Wer mehr über unsere Reise erfahren oder sogar mitmachen will, komme gerne am Pfingstfest samstags von 10-16 Uhr in Raum S9(10c) in unser Sambia-Café. Dort gibt es eine Ausstellung zur Reise und zum Projekt und wir kommen gerne ins Gespräch. Eine Mitgliedschaft in der AG ist ab Klasse 9 möglich, die Reise erfolgt mit Interessierten aus Klasse 10. Sprecht uns gerne darauf an, wenn ihr mitmachen  oder eventuell sogar mitreisen wollt!

 

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