Die Friends vier Wochen in Sambia
Schülerinnen und Schüler der Arbeitsgemeinschaft "Friends with Kasisi" unterstützen seit geraumer Zeit ein bemerkenswertes Landwirtschaftsprojekt der Jesuiten in Sambia. Kürzlich verbrachte eine Schülergruppe zusammen mit ihrem AG-Leiter und Kollegslehrer Stefan Seeherr vier eindrucksvolle Wochen in Kasisi - ein ausführlicher Erfahrungsbericht von Philine Heroldt:
Im Jahr 1974 kam Brother Paul nach Sambia und setzte dem Kasisi Agricultural Training Centre einen Anfang, in dem er, mit nur einer Schaufel in den Händen, begann, einen Staudamm zu graben. Heute am Sonntag den 30.03.25, fliegen wir von Friends with Kasisi, zwar mit mehr als einer Schaufel, aber mit der selben Motivation nach Sambia, um die Jesuiten, Studenten und Angestellten zu unterstützen und von ihnen zu lernen.
Nach einem langen Flug landen wir müde, aber mit voller Vorfreude in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia. Auf dem Weg zum Kasisi Agricultural Training Centre (KATC) wächst diese Vorfreude, trotz Schlaglöcher und wackeliger Offroad-Straßen, weiter. Im Center begrüßen wir die Mitarbeiter und besorgen den Schlüssel für das Torrend-Haus, unser Zuhause für die nächsten vier Wochen. Während unserem ersten Wocheneinkauf bemerken wir schnell, dass unsere Hautfarbe für Blicke sorgt, die wir am Anfang nicht genau einordnen können. Fallen wir so sehr auf? Ist es nicht alltäglich für Sambier, Menschen mit anderer Hautfarbe zu sehen, oder ist es einfach gut gemeintes Interesse? Als zweite Begleitperson stößt Malina zu uns, eine ehemalige Internatserzieherin am Kolleg, die wir schnell in unsere Herzen schließen. Abends lernen wir in einer gemütlichen Runde Pater Klaus kennen, der Jesuit und Leiter des KATC ist, und uns einiges über die Geschichte des KATC und seine Arbeit erzählt. Das KATC wurde 1974 gegründet und betreibt und verbreitet seit den 90ern bis heute nachhaltige Biolandwirtschaft, indem es ein Studium für Agroecology (Agrarkultur und Ökologie) anbietet und Beziehungen zu lokalen und internationalen Betrieben pflegt. Die Studenten und Studentinnen beschäftigen sich in ihrer Zeit im KATC mit der Anwendung nachhaltiger Methoden in der Landwirtschaft, wie z.B. in den Bereichen Recycling, Produktherstellung, Anbau und Tierhaltung. Die aktuellen Studis lernen wir am zweiten Tag kennen. Direkt verstehen wir uns, trotz einigen sprachlichen Schwierigkeiten, super. Den Tag über erkunden wir mit ihnen und weiteren Studenten das Gelände. Dabei entdecken wir große Felder, schöne Gemüse und Kräutergärten, den Schweinestall und Kuhherden. Hierbei lernen wir außerdem einiges über die Produkte, die im KATC hergestellt und verkauft werden. Von Haferflocken über Milchprodukte, wie Joghurtdrinks oder Käse, bis hin zu Gemüse und Sonnenblumenkernen, alles Bio und selbst produziert. Um das Wissen über nachhaltige Landwirtschaft zu verbreiten, sollen Erklär-Videos international zur Verfügung gestellt werden, mit denen Landwirten überall auf der Welt ein Zertifikat für Bio-Landwirtschaft erhalten können. In den ersten Tagen drehen und schneiden wir mit den Studenten zusammen einige dieser Videos. In ihnen wird unter anderem die Herstellung von Bokashi, einem Bio Dünger, erklärt, wie man ihn nutzt und was er bewirkt. Doch wir erklären nicht nur, wir nehmen die Sache auch selbst in die Hand… oder die Sojabohnen. Mit einigen Mitarbeitern und Studenten des KATC fahren wir an einem Tag früh am Morgen auf die Felder. Hier ernten wir Sojabohnen, die wir erst mit einigen sambischen Frauen auf Haufen legen und dann auf einen Hänger aufladen. Schon nach ein paar Stunden merken wir, was für ein harter Job die Ernte ist und sind erstaunt über die Menschen die so täglich ihr Geld verdienen. Trotz der Anstrengung war die Ernte eine eindrückliche Erfahrung, nach der wir alle Sojabohnen wohl nie wieder mit den gleichen Augen sehen werden. Nach der Ernte werden die Sojabohnen getrocknet, verarbeitet und verkauft.
In den vier Wochen in denen wir am KATC sind, soll der so genannte Field Day stattfinden, welcher eine Art Tag der offenen Tür am training centre ist. Hier wird vor allem die Bio-Landwirtschaft am KATC erklärt, um sie den Besuchern näher zu bringen, welche vor allem lokale Bauern und Bäuerinnen sind, aber auch Menschen wie der high Commissioner of India, dem ranghöchsten Vertreter Indiens in Sambia, der die neugegründete Kooperation zwischen indischen Bio-LandwirtInnen und dem KATC die Ehre erweist. Das Fest ist für das Center vor allem so wichtig, weil sie dadurch ihre Beziehungen zu anderen Betrieben pflegen und neue aufbauen können. Doch für so ein wichtiges Fest muss natürlich erst einmal aufgeräumt werden, wozu wir und die Studenten uns bereit erklären. Auf dem Programm steht Müll einsammeln, Hecken schneiden und auf sambische Art mit so genannten Slashern (hackenähnliches Gartengerät) den Rasen mähen. Außerdem wird unser Aufräumen oft durch kleine Pausen unterbrochen, in denen wir Gottesanbeterinnen, Chamäleons, Frösche und andere kleine Lebewesen bestaunen, die sich in Sambias Natur nur so häufen. Als dann der Field Day kommt, sind wir umso stolzer, vor allem weil sich vom slashen die ein oder andere Blase an den Fingern gebildet hat. Am Field Day wird gegessen, verkauft, erklärt und vor allem eins: gelobt.
In der sambischen Kultur spielt der Glaube eine wichtige Rolle und wir können ihn in unserer Zeit durch Gottesdienste, Gespräche aber auch im alltäglichen Leben wiedererkennen. Die Predigt im ersten Kirchenbesuch ist fast fünf Stunden lang und ist von wunderschönen sambischen Gesängen und Tänzen geschmückt. In der Kirche gibt es vier verschiedene Chöre, die nacheinander ihre Lieder singen. Doch uns fällt vor allem eins auf: das Beten. Während des Betens schreien alle Kirchenbesucher laut vor sich hin und werden sehr emotional, es sieht fast wie eine Art Trance aus. Das sind wir von unseren deutschen, eher ruhigen Gottesdiensten natürlich überhaupt nicht gewöhnt. Am Ostergottesdient am KATC geht es zwar etwas ruhiger zu, doch trotzdem tanzen und singen wir viel und natürlich gerne. In der Zeit die wir in Kirchen verbringen, merken wir die Gemeinschaft und Hoffnung unter den Kirchenmitgliedern. Vor allem das gemeinsame Singen lässt uns ab und zu Tränen in den Augen haben. Diese Hoffnung auf Gott wird oft auch im Alltag geäußert und in unserem Fall, am Field Day, welcher zwar weniger Besucher als erhofft hatte, aber trotzdem ein Erfolg war.
Friends with Kasisi ist ein Austausch, ein Austausch von Wissen, Kultur und vor allem von Studenten und Schülern. Um die sambischen Studenten also nach Deutschland zu bringen, brauchen sie ein Visum, welches wir in der deutschen Botschaft in Lusaka beantragen. Hier haben wir, die aktuellen Studies und die Studies von letztem Jahr, einen Termin mit der Botschafterin Anne Wagner-Mitchel. Sie erklärt uns einiges über ihre Arbeit in der Botschaft und fragt interessiert nach dem Austausch, die Motivation dahinter und die Arbeit der Studenten und Studentinnen.
Zurück im KATC arbeiten wir in den nächsten Tagen vor allem in der Plastic Shed. Hier wird Plastik geschreddert und gepresst, welches die Studenten verkaufen können. Zu dem steht schon lange die Überlegung im Raum, Plastik zu schmelzen und zu etwas neuem, wie Gefäße zu verarbeiten. Doch umgesetzt wurde die Idee noch nie… bis zu unserem Besuch. Letztes Jahr bekam das KATC eine große Menge an alten Kassetten geschenkt, die sie geschreddert haben und bis jetzt unbenutzt in der Plastic Shed gelagert haben. In einem kleinen Topf schmelzen wir erstmal eine kleine Menge des geschredderten Plastiks und gießen es über eine Muffinform. So entsteht der erste Prototyp von einem Gefäß aus recyceltem Plastik am KATC. Über die nächsten Tage wiederholen wir dieses, erstmal sehr provisorische, Recyceln und schaffen es, mehrere Gefäße herzustellen, die wir sogar mit buntem Plastik verzieren. Dabei macht uns die unterschiedliche Arbeitsmoral von uns Schülern und den sambischen Studenten etwas schwer. Wo bei uns Pünktlichkeit und Motivation herrscht, haben wir das Gefühl, dass bei den sambischen Studenten ab und zu etwas der Antrieb fehlt. Oftmals lassen sie auf sich warten oder packen nicht wirklich an, was sich für uns, sehr demotivierend anfühlt. Doch nach einer Weile schaffen wir es, uns gegenseitig zu motivieren und haben große Erfolge in der Plastic Shed. Wenn man die Recycle-Aktion ausbaut, könnte man nicht nur endlich die Kassetten loswerden, sondern auch der Umwelt etwas Gutes tun.
Diese Motivation verfolgt auch Royd Michelo, ein sambischer Farmer, der seine Landwirtschaft komplett Bio betreibt und früher einige Kurse und Weiterbildungen am KATC besucht hat. Die Studenten und wir hatten das Glück, ihn besuchen zu dürfen und uns von seinen Ideen inspirieren zu lassen. Als wir auf seinem Hof ankommen, fällt uns sofort die idyllische Stimmung auf. Hühner, Hunde, Katzen und weitere Tiere laufen herum. Papaya-Bäume und andere Früchte, überall wo man hinschaut und überraschend kühle Luft, welche wegen der wild und dicht wachsenden Bäumen entsteht, wie uns Royd Michelo erklärt. Unter diese setzen wir uns und stellen erst einmal Fragen. Royd erklärt, wie wichtig es ist, dass seine Farm im Einklang mit der Natur ist, weshalb er nur Bäume pflanzt, die regional in Sambia wachsen und keine Chemikalien nutzt. Später zeigt er uns das Gelände. Er arbeitet an einem System, Biogas zum Kochen zu nutzen und das ganz ohne Technik, er versorgt seine Tiere, auch medizinisch, nur mit natürlichen Mitteln und er plant, sogenannte Food Forests anzubauen, eine Fläche, auf der alle möglichen Früchte und Gemüsearten wachsen. Zudem pflanzt er eigenes Düngermittel, nämlich eine Art Wasserpflanze, die auch als Hühnerfutter verwendet werden kann. Wir sind erstaunt von seiner kreativen und innovativen Art und obwohl wir natürlich (noch) keine Höfe besitzen, verlassen wir sein Gelände motiviert.
Die Zeit in Sambia war unglaublich prägend und einzigartig und zwischen dem Arbeiten verbringen wir unsere Zeit außerdem auf Märkten, Safaris, Booten, und in Zelten am Sambesi, wo wir ebenfalls Kultur, Menschen, Traditionen und Natur erleben dürfen. Besonders beeindruckend ist der Besuch der Victoria Falls, die am Ende der Regenzeit unglaublich viel Wasser führen. Beim Spazieren durch die Gischt der Fälle oder spätestens beim Rafting auf dem Sambesi werden wir nass. Sehr nass. Wir sind uns sicher, dass wir die Zeit niemals vergessen werden.
Wer das Projekt, uns und unsere sambischen Gäste kennenlernen möchte, mag gerne am Pfingstfest-Samstag in Raum S9 kommen und mit einem Drink durch unsere Ausstellung schlendern oder bei unserer Tombola sambische Preise abräumen – herzliche Einladung!
Und an diesem Punkt wollen wir ein Danke an Herr Seeherr aussprechen, der alles organisiert und geplant hat und es uns ermöglicht hat, so eine Erfahrung zu machen. Die Reise ist nicht nur eine Möglichkeit, zu lernen, sondern weckt ebenfalls neue Interessen und Talente. Vielen Dank!