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Kolleg St. Blasien
Gewaltprävention – Bericht über Grenzverletzungen

Gewaltprävention – Bericht über Grenzverletzungen

Bericht über Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen im Jesuiten-Kolleg St. Blasien

von Ursula Raue - 15. Februar 2011

A. Auftrag und Ausführung

Als Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle sexuellen Kindermissbrauchs berichtete ich zuletzt am 27. Mai 2010 zu den bis dahin bekannt gewordenen Fällen an Schulen und Internaten des Ordens und den hierzu gewonnenen Erkenntnissen. Dieser Bericht befasste sich schwerpunktmäßig mit Ermittlungsergebnissen am Canisius-Kolleg in Berlin und dem Stand der Erkenntnisse zu Vorfällen am Aloisiuskolleg in Bonn. Hierzu wird eine gesondert eingesetzte Arbeitsgruppe unter Leitung von Frau Prof. Dr. Zinsmeister berichten.

In diesem neuen Bericht geht es spezifisch um Übergriffe und Grenzverletzungen in der Schule und dem Internat des Kollegs St. Blasien, das im seinerzeitigen Bericht nur im Zusammenhang mit zwei Patres Erwähnung fand. Einer von ihnen war zunächst am Canisius- Kolleg und später auch in St. Blasien tätig. Über den zweiten gab es frühzeitig schwere Vorwürfe. Nach diesem Bericht vom 27. Mai 2010 und der Pressekonferenz kam es zu weiteren Mitteilungen und Vorwürfen. Vermutungen und Beobachtungen wurden an einigen Stellen durch neue Berichte von Übergriffen erhärtet.

Dieser Bericht erfasst Fälle sexuellen Missbrauchs im Kolleg St. Blasien in dem Zeitraum von 1946 bis in die 80er Jahre.

Nicht zu allen Vorfällen konnte hinreichende Transparenz geschaffen werden. Insbesondere muss davon ausgegangen werden, dass nach wie vor eine erhebliche Zahl von Übergriffen nicht gemeldet wurde und/oder niemals ganz aufgeklärt werden kann.

Dazu gehört auch, dass Ermittlungsverfahren der für St. Blasien zuständigen Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern am Kolleg St. Blasien am 21. Dezember 2010 eingestellt wurden.

Redaktionelle Anmerkung

Die früher verwendeten Pseudonyme „Pater Bertram“ und „Pater Franz“ werde ich weiterhin benutzen. Die in St. Blasien mit neuen Vorwürfen verbundenen Personen erhalten ebenfalls Pseudonyme, die von jenen abgegrenzt sind, die Frau Prof. Zinsmeister und ihr Team für beschuldigte Personen am Aloisiuskolleg in Bonn verwendet.

Mein Hauptaugenmerk lag darauf, Kontakte mit Opfern und auch Tätern herzustellen. Zumeist erforderte dies langwierige Bemühungen, solche zu erhalten. Außerdem unternahm ich mit Blick auf St. Blasien folgende zusätzliche Maßnahmen:

  • Einsicht in die Personal- und Konsultakten in der Verwaltung der Deutschen Provinz in München
  • Einsicht in Schüler-, Personal- und Konsultakten des Kollegs St. Blasien
  • Gespräche mit Lehrern und Erziehern im Kolleg
  • Korrespondenz und Gespräche mit der für St. Blasien zuständigen Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen
  • Verwertung von Informationen der Opferselbstorganisation ‚Eckiger Tisch’ soweit ich diese von Betroffenen, die sich an mich wandten, erhalten habe, ebenso von Presseinformationen und mir zugängliche Publikationen des Eckigen Tisches.

B. Ermittlungen

Meldungen

Während zum Zeitpunkt des Berichtes vom 27. Mai 2010 zu St. Blasien noch wenig nachvollziehbare Vorfälle und eine größere Zahl jedoch nicht erhärteter Vorwürfe vorlagen, gab es im weiteren Verlauf des Jahres eine Vielzahl neuer Meldungen durch Betroffene und Beobachter. Zu einer Reihe von Verdachtsfällen konnten zusätzliche Informationen in Erfahrung gebracht werden.

Insgesamt sind bei mir mehr als 40 Meldungen, die das Kolleg St. Blasien betreffen, eingegangen. Die Gesamtschau der Vorwürfe macht drei Komplexe deutlich:

  1. Prügelattacken des Pater Bertram in den Jahren 1982 bis 1984 und dann wieder bei seinen Besuchen im Kolleg St. Blasien in den Jahren 1987 und 1988, deren sexuell-sadistische Komponente von den Opfern erst sehr viel später als solche erkannt wurde.
  2. Sexuelle Übergriffe mit und ohne Anwendung von körperlicher Gewalt, aber in allen Fällen mit eindeutig strafbaren Handlungen an jungen Schutzbefohlenen vorwiegend in den 60erJahren. Täter sind in diesen Fällen die ehemaligen Patres mit den Pseudonymen Franz, Otmar und Philipp.
  3. Körperliche Züchtigungen wie brutale Schläge und als übergriffig und unangemessen geschilderte Strafmaßnahmen, die als gewalttätig bezeichnet oder jedenfalls empfunden wurden.

Hier gibt es eine frühe Meldung aus den 30er Jahren und weitere elf, die sich auf die 50er, 60er und die erste Hälfte der 70er Jahre beziehen. Einer berichtet, dass auch Anfang der 80er Jahre noch geprügelt worden sei.

Dabei werden insgesamt 9 Personen mit Namen genannt, einer von ihnen ist ein ehemaliger Lehrer, zwei haben den Orden verlassen und drei Patres sind inzwischen verstorben.

zu 1:
Pater Bertram

Werdegang, Tatvorwürfe und die Aussagen von Pater Bertram finden sich ausführlich in meinem Bericht vom 27. Mai 2010 auf den Seiten 5 ff.

Pater Bertram war von 1982 bis 1984 als Lehrer für Deutsch, Religion und Sport in St. Blasien. In den Jahren 1987 und 1988 war er jeweils einige Wochen dort.

Meldungen

Bis Februar 2011 sind bei mir dreizehn Meldungen von selbst betroffenen ehemaligen Schülern des Kollegs St. Blasien eingegangen.

Mittelbar wurden eine Reihe zusätzlicher Betroffener erwähnt. Einer von ihnen nennt drei weitere Betroffene mit Namen, die sich aber selbst nicht gemeldet haben. Weiterhin gab einer der selbst Betroffenen an, drei weitere, ein anderer ein weiteres Opfer zu kennen; hier wurden aber keine Namen genannt.

Drei ehemalige, nicht selbst betroffene Schüler, haben sich aber als Zeugen gemeldet. Einer davon kennt ein Opfer, ein anderer zwei und der dritte berichtet, er wisse von einer großen Zahl Betroffener. Die Namen wurden nicht genannt.

In einer Selbstauskunft im Januar 2010 gibt Pater Bertram an, in St. Blasien habe es „häufige Vergehen“ gegeben.

Vorwürfe

Pater Bertram bediente sich immer desselben Musters. Er hat Schüler teilweise in exzessiver Weise geschlagen, und zwar auf das nackte oder bekleidete Hinterteil. Dem ging in der Regel eine Art „Vereinbarung“ voraus, bei der es um das Erreichen bestimmter Noten oder auch um Strafe für ein bestimmtes Verhalten ging.

Aus mündlichen und schriftlichen Berichten geht hervor, dass viele der Opfer diese Schläge bis heute nicht vergessen können. Vor allem haben sie auch erst sehr viel später die sadistisch- sexuelle Komponente dieser Prügelmethode verstanden. Einige berichten von tagelangen Schmerzen oder dass Pater Bertram die geprügelten Stellen anschließend eingecremt und gestreichelt habe.

Reaktion des Ordens

Auch als die Prügelexzesse in dem Laisierungsverfahren1992 bekannt wurden, gerieten die Opfer nicht in den Blick der Ordensverantwortlichen. Der seinerzeit zuständige Provinzial Alfons Höfer SJ hat im Mai 2010 bedauert, sich damals nicht um die Opfer gekümmert zu haben.

zu 2: Pater Franz

geboren 1940

1960 Eintritt in den Orden

1965 bis 1967 Präfekt in St. Blasien

in den 70er Jahren Lehrer an der Gesamtschule Herzogenried in Mannheim

1982 wurde er auf eigenen Wunsch aus dem Orden entlassen und heiratete

Vorwürfe

Sechs Betroffene haben sich gemeldet, die alle in den 60er Jahren als Internatsschüler von Pater Franz missbraucht wurden. Er habe vor allem nachts den einen oder anderen Schüler aus dem Schlafsaal geholt. Der habe dann entweder Vokabeln oder ein Gedicht lernen oder auch seinen Schreibtisch aufräumen müssen. Danach wurden die Betroffenen zuerst geschlagen, manchmal mit dem Rohrstock, und dann umarmt, während Pater Franz eine Erektion hatte. Pater Franz drohte mit Disziplinarmaßnahmen, falls die Opfer etwas sagen. Eines der Opfer berichtet von brutaler Vergewaltigung und Analverkehr.

Ermittlungen

Der Aufenthaltsort von Pater Franz konnte ermittelt werden. Bei einem ersten Anruf Anfang Juni 2010 berichtete ein Familienmitglied, der ehemalige Jesuit sei seit längerem krank, er sei dement, sitze im Rollstuhl und sei nicht mehr in der Lage, auf Fragen zu antworten. In einem späteren intensiven Telefongespräch mit der Lebensgefährtin wurde bestätigt, dass Pater Franz in den 60er Jahren als Lehrer in St. Blasien tätig war. Er soll seit 2009 hinfällig und inzwischen auch nicht mehr ansprechbar sein.

Eine weitere Kommunikation mit der Lebensgefährtin gab es nicht mehr. E-Mails blieben unbeantwortet, das Telefon wurde nicht mehr abgenommen.

Pater Otmar

Werdegang

geboren 1934

1959 bis 1962 Präfekt in St. Blasien, dort zuständig für die Unterstufenschüler

Austritt aus dem Orden im Dezember 1962

Pater Otmar lebt in Süddeutschland. Er ist verheiratet.

Vorwürfe

Zunächst gab es Aussagen von einem ehemaligen Lehrer und zwei ehemaligen Schülern, die berichteten, Pater Otmar habe junge Internatsschüler sexuell missbraucht. Einer der beiden war selbst Opfer. Bei dem anderen handelte es sich um Beobachtungen bzw. einen Zeugenbericht, nicht um eigene Missbrauchserfahrungen. Aus jüngster Zeit gibt es einen weiteren Bericht eines ehemaligen Schülers, der ebenfalls sexuell missbraucht wurde.

Reaktion von Pater Otmar

In einem Telefongespräch mit Pater Otmar hat er die Vorwürfe zunächst bestritten, später aber eingeräumt, dass die Vorfälle in St. Blasien im Jahre 1962 Anlass für ein Gespräch mit dem damaligen Provinzial P. Karl Frank SJ waren, in dessen Folge er den Antrag gestellt habe, aus dem Orden auszuscheiden. Im Dezember 1962 wurde dem stattgegeben. Über die Vorwürfe im Einzelnen sei Stillschweigen vereinbart worden.

Reaktion des Ordens

Es ist festzustellen, dass die gegen P. Otmar erhobenen Vorwürfe ernst genommen und Konsequenzen für seinen weiteren Weg gezogen wurden.

Die ansonsten nicht sehr ergiebige Personalakte lässt weiter erkennen, dass es im Jahre 1964 eine Anfrage des Bistums Regensburg gegeben hat. Der damalige Provinzial P. Frank SJ hat darauf geantwortet, er könne keine Verantwortung übernehmen. Ob es weitere – möglicherweise mündliche – Informationen gab, ist nicht erkennbar.

Als Opfer wurden die betroffenen Jungen trotz Kenntnis der Übergriffe nicht wahrgenommen.

Pater Philipp

Werdegang

1939 geboren

1959 Eintritt in den Orden

1964 bis 1970 Präfekt in St. Blasien

1975 Versetzung an die Gesamtschule Herzogenried in Mannheim wegen Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit Lehrern und Patres in St. Blasien

dort Religions- und Sozialkundelehrer

1977 auf eigenen Wunsch Austritt aus dem Orden und Heirat

in demselben Jahr verlässt er die Gesamtschule in Mannheim

Es konnte nicht ermittelt werden, ob er noch lebt und wo er sich dann heute aufhält. Ein ehemaliger Kollege, der noch nach dem Austritt aus dem Orden Kontakt mit ihm hatte, konnte keine Angaben zu seinem Verbleib machen.

Vorwürfe

Pater Philipp wurde bisher nur von einem ehemaligen Schüler als Täter genannt. Die Vorwürfe wiegen allerdings sehr schwer. Es geht um vielfache Vergewaltigung.

Der Betroffene hat sich erst einige Zeit nach meinem Bericht vom 27. Mai 2010 gemeldet, weil die Taten nur sehr langsam und zunächst bruchstückhaft in sein Gedächtnis zurück gekommen sind

.

Aus der Personalakte ist ersichtlich, dass Pater Philipp auch exhibitionistisches Verhalten vorgeworfen wurde.

Reaktion des Ordens

Pater Philipps Zeit im Orden scheint immer wieder von Zweifeln begleitet. So spielt die Frage, ob er bleiben oder den Orden verlassen soll, in den in der Personalakte vorhandenen Briefen immer wieder eine Rolle. Er wird dann auch zunächst nicht zur Priesterweihe zugelassen. Es ist an verschiedenen Stellen die Rede davon, Pater Philipp habe eine Zölibats- Problematik, die er nie richtig bewältigt habe.

Mitte der 70er Jahre gab es Probleme mit den Kollegen in St. Blasien. Es klingt an, dass es um die Beziehung zu einer Frau ging. Er wurde dann 1975 an eine Schule in Mannheim versetzt. Hier soll es das exhibitionistische Verhalten vor Kindern gegeben haben. Stellungnahmen zu seinem Laisierungsantrag lassen erkennen, dass die Entlassung aus dem Orden überwiegend zustimmend beurteilt wurde.

Weitere Verdachtsfälle

  • In Zusammenhang mit Vorwürfen gegen Pater Philipp gibt es einen weiteren Verdacht. Der Betroffene ist wegen der Schwere seiner Verletzungen und Traumata aber bisher nur zu wenigen Aussagen in der Lage, die noch nicht ausreichen, den mutmaßlichen Täter mit der Aussage zu konfrontieren. Die Kommunikation während des letzten halben Jahres lässt aber erwarten, dass in absehbarer Zeit mehr Informationen zu erhalten sein werden.
  • In den Jahren 1988 bis 1990 soll es Übergriffe durch einen Pater gegeben haben, der 1991 aus dem Orden ausgeschieden ist. Die Vorwürfe wurden bekannt, weil der ehemalige Jesuit mir ein Schreiben des Anwalts eines ehemaligen Schülers zukommen ließ, in dem der Vorwurf sexuellen Missbrauchs gegen ihn erhoben wird. Gegenwärtig sind die jeweiligen Anwälte mit dem Vorgang befasst.

zu 3:

Nachstehend sind all jene Fälle aufgeführt, die mir zum Komplex ‚Körperliche Züchtigung’ zugetragen wurden und ermittelt werden konnten. Eine Hierarchie der Schwere der Fälle oder die Festlegung, ob es sich wirklich um körperliche Züchtigung handelte, ist aufgrund der zum Teil unzureichenden Tatsachenlage nicht abzuleiten. Ausschlaggebend ist das Bedürfnis der Betroffenen darüber zu sprechen, deren subjektives Empfinden und die oftmals geäußerte Verletzung.

Dabei ist erkennbar, dass die Betroffenen sehr wohl unterschieden haben zwischen dem bis in die 70er Jahre üblichen oder jedenfalls akzeptierten körperlichen Züchtigen einerseits und Übergriffen, die als demütigend und sadistisch empfunden wurden andererseits. Selbst wenn davon ausgegangen werden kann, dass die Schläge bei einzelnen Schülern unterschiedliche Empfindungen ausgelöst haben und durchaus individuell bewertet wurden, ändert das nichts an der sehr persönlich empfundenen Grausamkeit sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene. In diesem Sinne sind die mitgeteilten Erlebnisse als Verletzung nicht nur des Körpers, sondern auch des Schamgefühls, der Selbstachtung oder der eigenen Integrität und Würde zu verstehen.

Lehrer Richard

Ein ehemaliger Schüler berichtet von körperlichen Züchtigungen im Unterricht in den Jahren 1973/74. So habe Lehrer Richard, wenn Schüler im Unterricht miteinander geredet hätten, deren Köpfe aneinander geschlagen. Er selbst habe danach einmal erbrechen müssen, sei verwirrt gewesen und habe sich mehrere Tage nicht konzentrieren können.

Lehrer Richard erinnert sich auf fernmündliches Befragen hin nicht, dass er hart betraft habe.

Pater Siegfried

Pater Siegfried war von 1934 bis 39 Generalpräfekt. Er habe seinerzeit mit einem Rohrstock oder einem Lederriemen geschlagen. An manchen Tagen hätten etwa 10 Schüler vor seinem Büro auf eine Strafe warten müssen.

Pater Siegfried ist 1967 verstorben.

Pater Thomas

Vorgeworfen wird ihm, in den 50er Jahren häufig und extensiv Schüler geschlagen zu haben. Pater Thomas starb 2007.

Pater Victor

Er habe in den 50er Jahren als Präfekt und später Generalpräfekt einem Schüler aus nichtigem Anlass im Schlafsaal den nackten Hintern verprügelt. Pater Victor ist 1962 gestorben.

Pater Wolfgang

Er war Subpräfekt in den 60er Jahren. Zwei ehemalige Schüler berichten, Pater Wolfgang habe Kopfnüsse verteilt, die schrecklich weh getan hätten. Ein weiterer berichtet, er sei mehrfach aus unbedeutenden Anlässen verprügelt worden, auch noch, als er bereits am Boden lag.

Pater Wolfgang verließ den Orden 1980. Er betreibt ein Beratungsinstitut.

Pater Rudolf

Er trat 1948 in den Orden ein, war Generalpräfekt in den Jahren 1962 und 1963. Ein ehemaliger Schüler schreibt, Pater Rudolf habe unter anderem in der Teepause Schüler geprügelt, mit teilweise sadistischen Zügen.

Pater Rudolf hat den Orden 1970 verlassen.

Pater Werner

Ein ehemaliger Schüler berichtet, von Pater Werner in den frühen 80er Jahren mehrfach geschlagen worden zu sein. Pater Werner sei damals Internatsleiter gewesen. Pater Werner erklärte dazu, das könne der Fall gewesen sein. Er erinnere sich allerdings nicht an einzelne Situationen.

Pater Ulrich

Pater Ulrich war bis zum Schuljahr 1964/65 Präfekt und ab 1970 Internatsleiter in St. Blasien. Ein ehemaliger Schüler berichtet, man habe ihn aus nichtigem Anlass zusammen mit einem Freund nach dem Schlafengehen zu dem Internatsleiter gebracht. Dort seien sie, nach seiner Erinnerung 1975 oder 1976, mit einem Gummischlauch auf den nackten Hintern geschlagen worden.

Pater Ulrich bestreitet, je mit einem Gartenschlauch geschlagen zu haben. Ein Rohrstock könne es gewesen sein.

Pater Volker

Ein ehemaliger Schüler berichtet, er sei in den 60er Jahren von Pater Volker – seinerzeit Generalpräfekt - brutal geschlagen worden.

Pater Volker weist den Vorwurf zurück.

C. Bewertung

1. Täterprofile, Opferdynamik und Verhalten von Institutionen

Hierzu verweise ich auf meinem Bericht vom 27. Mai 2010 auf den Seiten 17 ff.. Darin wird auch das Verhalten von Pater Bertram (s.S.2 dieses Berichtes) umfassend bewertet.

2. sexuelle Gewalt

Des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen haben sich – so die Vorwürfe - die ehemaligen Patres Franz, Otmar und Philipp schuldig gemacht.

Es muss allerdings davon ausgegangen werden, dass es mehr als die bekannt gewordenen Opfer gibt.

Die Vorgehensweise der drei hier genannten Täter war durchaus unterschiedlich. So entstand auf Grund der Opferschilderungen der Eindruck, dass Pater Franz sich besonders brutal verhalten hat, während es über Pater Otmar an einer Stelle heißt, bei ihm sei es „nicht die brutale Art“ gewesen. Die Vorgehensweise von Pater Philipp ist schwer einzuschätzen. Ein Betroffener hat ausgesagt, Pater Philipp habe ihn über einen längeren Zeitraum immer wieder als Sexobjekt benutzt.

Die teilweise sehr dünne Aktenlage der drei Täter ergibt keinen tieferen Einblick in die Biografien. Gleichwohl ist erkennbar, dass es sich vermutlich bei allen dreien um Männer handelt, die von den Anforderungen eines zölibatären Lebens überfordert waren.

Die beiden Patres Franz und Philipp haben ihren Austrittswunsch damit begründet, dass sie heiraten wollten, was dann beide auch sofort nach der Laisierung gemacht haben. Pater Otmar ist ebenfalls verheiratet. Bei seiner Entlassung aus dem Orden spielte allerdings der Wunsch, eine Ehe einzugehen, keine Rolle.

Alle drei Täter müssen nicht notwendigerweise pädosexuelle Neigungen gehabt haben, als sie sich an den Kindern vergingen. Denkbar ist auch, dass sie Macht- und Gewaltphantasien auslebten oder einfach ein Ventil für ihre sexuellen Wünschen und Bedürfnissen suchten und dabei Kinder benutzten, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht in der Lage waren sich zu wehren.

Für die Opfer allerdings spielt die Frage der sexuellen Orientierung nur eine untergeordnete oder auch gar keine Rolle. Denn das Opfer wird nicht nur an seinem Körper misshandelt, sondern es wird sehr tief in seiner Seele und in dem Vertrauen auf die eigenen Gefühle verletzt.

Auch die Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch am Kolleg St. Blasien bestätigt die vielfach festgestellten Merkmale:

  • Hilflosigkeit der Opfer
  • Schweigen von Mitwissenden
  • Ein System, das die Institution über die Opfer stellt und deren Nöte nicht erkennt

3. Körperliche Gewalt

Bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein war die körperliche Züchtigung mittels Rohrstock und ähnlicher Gegenstände oder auch durch Schläge mit der Hand als Mittel der schulischen Erziehung zwar nicht mehr unumstritten, aber einschlägige gesetzliche Verbote gab es je nach Bundesland erst in der zweiten Hälfte der 70er Jahre.

Das demütigende und zerstörerische Element derartiger Erziehungsmethoden war lange vor dem gesetzlichem Verbot Gegenstand von Diskussionen. Wie nachhaltig belastend diese Schläge für manche sein konnten, war aus Berichten ehemaliger Schüler zu erfahren, die sich auch nach Jahrzehnten noch erinnern und dabei vor allem das wütende, exzessive Prügeln aus mehr oder weniger nichtigem Anlass vor Augen haben. Solche Schüler können erheblichen Schaden nehmen, denn auch Gewalterfahrung ohne sexuelle Konnotation kann zu nachhaltiger Verunsicherung und Beschädigung führen.

D. Konsequenzen

1. Umgang des Kollegs mit den Betroffenen

Sehr bald nachdem sich ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs in Berlin gemeldet hatten, gab es auch Informationen von ehemaligen Schülern des Kollegs St. Blasien. Diese betrafen zunächst überwiegend Pater Bertram, dann im Februar 2010 auch Pater Franz und weitere Patres und Lehrer.

Der Kollegsdirektor Pater Siebner SJ hatte - ebenso wie Pater Mertes SJ in Berlin – von Anfang an ein offenes Ohr für alle diejenigen, die sich direkt an das Kolleg wandten. Hierdurch wurden den Betroffenen frühzeitig signalisiert, dass sie mit dem Erlittenen gehört und verstanden wurden.

Seine Informationen gab der Kollegsdirektor, sofern die Betroffenen damit einverstanden waren, an mich weiter. Umgekehrt erfolgte kein Austausch von Daten, da ich als Beauftragte des Ordens alle Informationen von Betroffenen vertraulich behandele.

2. Kommunikation innerhalb des Kollegs

Die Verunsicherung bei Schülern, Lehrern, Erziehern und Eltern erforderte unmittelbare und unbürokratische Reaktionen seitens der Kollegsleitung.

Am 1. Februar 2010 fand eine Schulversammlung statt, in der alle Beteiligten über den aktuellen Stand informiert wurden. Die Themen „sexueller Missbrauch“ und „sexualisierte Gewalt“ verdrängten in der ersten Zeit den aktuellen Lehrstoff. Dabei hat der offene Umgang mit den Vorwürfen und die Diskussionen über Grenzverletzungen erheblich zur Entspannung beigetragen.

Am 12. April 2010 nahm ich an einem „(kleinen) pädagogischen Tag“ teil, der vorrangig der Information von Lehrern und Erziehern über den Stand der Ermittlungen und dem Erfahrungsaustausch diente.

In Eltern- und Kollegsbriefen berichtete der Kollegsdirektor über den Umgang mit den bekannt gewordenen Missbrauchfällen. Mit dieser direkten und offenen Information wurde ein Signal für Transparenz und Offenheit setzte.

3. Maßnahmen der Ordensleitung

Aus dem Rücklauf des im April 2010 versandten Fragebogens ergaben sich prioritär folgende Wünsche der Betroffenen an die Ordensleitung:

  • Persönliche Entschuldigungsbriefe
  • Persönliche Gespräche mit einem Angehörigen des Ordens
  • Übernahme von Therapiekosten
  • Materielle Wiedergutmachung

Der damalige Provinzial Pater Dartmann SJ hat im Juli 2010 persönliche Entschuldigungsbriefe an acht ehemalige Schüler des Kollegs St. Blasien geschrieben, die einen solchen Brief wünschten.

Nur in einem Fall wurde ein persönliches Gespräch mit einem Angehörigen des Ordens erwartet. Dieses Gespräch konnte vermittelt werden. Möglicherweise war der Bedarf bereits durch die umfassende Gesprächsbereitschaft der Kollegsleitung zufriedengestellt.

In zwei Fällen wurden bisher Therapiekosten für ehemalige St. Blasien-Schüler übernommen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. In einem Fall ist die Therapie inzwischen abgeschlossen.

Weitere Maßnahmen für eine materielle Wiedergutmachung stehen noch zur Entscheidung an. Die Betroffenen wurden dazu mit dem Brief des Provinzials P. Kiechle SJ vom 25. Januar 2011 informiert.

4. Prävention

In dem Bericht vom 27. Mai 2010 wurden Maßnahmen für Prävention vor Missbrauch an Schulen und Internaten dargelegt. Hierzu gehören Fortbildung und Supervision für Lehrer und Erzieher, Sensibilisierung für Missbrauch und Früherkennen von Symptomen, transparente Beschwerdeverfahren, Einrichtung einer externen Ombudsperson.

Inzwischen wurde ein sehr detailliertes Konzept für Prävention und Intervention am Kolleg St. Blasien erarbeitet, das in naher Zukunft mit den Gremien abgestimmt und dann in Kraft gesetzt werden soll.

Festzuhalten ist jedoch, dass der Erfolg aller Maßnahmen und Instrumente von der Achtsamkeit im täglichen Umgang miteinander abhängt.

Ursula Raue