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jeSET 2012 St. Blasien - A Jesuit Schools European Sports Tournament

Elternbrief

an alle Eltern des Kollegs

Sehr geehrte, liebe Eltern unserer Schülerinnen und Schüler!

Mit Recht erwarten Sie im Blick auf die Fälle von Missbrauch hier am Kolleg und vor dem Hintergrund der Berichterstattung Informationen und Rechenschaft von der Kollegsleitung.

Wo stehen wir im Moment mit der Aufklärung? Wie sind die Jesuiten aufgestellt und wie stellt sich der Trägerverein zu den Vorfällen? Was ist zu bedenken im Blick auf den Schutz unserer Kinder, die jetzt am Kolleg sind? Welche Konsequenzen sind angedacht? Wie können Missbrauch und Grenzüberschreitungen verhindert werden? Wie können wir helfen, unsere Kinder heute zu schützen?

Erlauben Sie mir zunächst ausdrücklich auch im Namen der Schulleitung und der Internatsleitung ein aufrichtiges Wort des Dankes für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung.

Am 10. Februar gab es eine außerordentliche Elternbeiratssitzung und am 22. Februar stand auch die reguläre Sitzung ganz im Zeichen dieser Thematik. Ihre gewählten Vertreter sind aktiv und initiativ geworden, dafür bin ich sehr dankbar - auch ein wenig Stolz schwingt mit auf unsere Elternschaft. Der Vorsitzende des Elternbeirats, Herr Braun, hat mit mancherlei Presseanfragen zu tun gehabt und hat sich dem nicht entzogen. Für mich sind vor allem zwei Aspekte deutlich geworden: Zum einen die Ernsthaftigkeit der Nachfragen und der Sorgen in Bezug auf die Geschichte des Missbrauchs und auf die heutige Situation. Zum anderen haben wir in der Kollegsleitung das große Vertrauen der Eltern gespürt und den Wunsch, dieses Vertrauen auch zum Ausdruck zu bringen. Das hat mir und uns geholfen; es hat auch ein wenig „den Rücken frei gehalten“, wenn man im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung und der veröffentlichten Meinung steht. Dafür danke ich Ihnen! Die Tatsache, dass Ihre Kinder jeden Morgen um 7:35 Uhr da sind, ist ein großartiger Vertrauensbeweis. Auch im Namen der Lehrerinnen und Lehrer, der Erzieherinnen und Erzieher sage ich aufrichtigen Dank.

Das heißt nicht „Alles ist in Ordnung“. Es gibt vielleicht auch verunsichertes Vertrauen – wahrscheinlich kommt das bei mir eher wenig an. Ich möchte Sie ermutigen zum Gespräch untereinander, z.B. in den Klassenpflegschaften und zum vertrauensvollen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen in Schule und Internat.

Seit 30. Januar 2010 haben sich bei Frau Ursula Raue, Beauftragte der Jesuiten für Verdachtsfälle von Missbrauch, und bei mir zahlreiche Opfer von Missbrauch am Kolleg St. Blasien gemeldet. Zunächst waren dies fast ausschließlich Opfer von Misshandlungen durch den ehemaligen Jesuitenpater Wolfgang S. in den Jahren 1982 – 1989; es kamen dann weitere Meldungen aus früheren Jahren hinzu.

Zum jetzigen Zeitpunkt liegen elf Meldungen von Opfern von Wolfgang S. aus den Jahren 1982 bis 1989 vor; acht weitere Meldungen geben Hinweise auf mögliche Opfer von Wolfgang S. bzw. schildern entsprechende Beobachtungen. Es ging bei den Taten um sadistische Übergriffe, um Demütigung und Gewalt. In einzelnen Berichten ist von gemeinsamem Duschen die Rede, das als eindeutig übergriffig empfunden wurde.

Außerdem haben sich vier Opfer des ehemaligen Jesuiten Winfried H. aus den Jahren 1965 bis 1967 gemeldet; sie berichten von schlimmem sexuellem Missbrauch.

Elf weitere Meldungen (teilweise Opferberichte, teilweise Hinweise oder Gerüchte) beziehen sich auf Taten von acht ehemaligen Jesuiten (zumeist bereits verstorben oder aus dem Orden entlassen bzw. ausgetreten) und einen Laienmitarbeiter aus den 50er und 60er Jahren bei uns in St. Blasien. Hier ist teilweise nicht ganz klar, was genau vorgefallen ist bzw. wie verlässlich die Erinnerungen sind.

Wir reden von Einzelfällen, ja. Denn jedes einzelne Kind, jeder Jugendliche ist ein Einzelschicksal. Und doch müssen wir auch von einem „System“ sprechen – einer Atmosphäre des Wegschauens, des Nicht-Wissen-Wollens und der aktiven Leugnung, die erschreckend und beschämend ist bis heute.

Noch immer melden sich Opfer von Missbrauch und noch immer gibt es daher keine vollständige Übersicht. Einige Details sind diskret zu behandeln, weil die Sachlage nicht hinreichend geklärt ist. Viele Opfer sprechen nicht, wenn sie sich sorgen müssen, dass ihr Sprechen öffentlich „benutzt“ wird (oder direkt an Behörden weitergereicht wird).

Die Einrichtung einer unabhängigen Beauftragten des Ordens für Missbrauchsfälle im Jahr 2002 hat sich sehr bewährt – vor allem und zuerst für die Opfer. Aber auch für den Jesuitenorden und das Kolleg ist es richtig und wichtig, dass wir nicht „in eigener Sache“ ermitteln. Gerade die Vorfälle der 80er Jahre geben der Frage nach der Verantwortung besondere Dringlichkeit: Wie konnte es sein, dass Wolfgang S. 1982 überhaupt ans Kolleg kam, nachdem er vorher schon in Berlin (1975-79) und Hamburg (1979-82) ähnlich gehandelt hat? Was wussten die Verantwortlichen in der Provinzleitung und hier vor Ort und zu welchem Zeitpunkt?

Die Fragen sind noch nicht geklärt und werden uns Jesuiten noch einige Zeit beschäftigen. Hier sind Antworten fällig und notwendig.

Mit Recht erwarten Sie, liebe Eltern, einen Ausblick auf Konsequenzen, die das Kolleg nun aus den Vorfällen zieht. Mit Recht fragen Sie nach der Situation Ihrer Kinder, die Sie heute dem Kolleg anvertraut haben, nach der heutigen Situation und nach Maßnahmen, die in die Zukunft gerichtet sind. Ihre Kinder vor allem sind es ja, die Tag für Tag schulischen Alltag einfordern und „Normalität“; auch hier sage ich: mit Recht. Ich werde gleich einige Ansätze für diese Diskussion benennen. Aber ich möchte doch auch um Verständnis werben, dass schnelle Maßnahmen und „Lösungen“ auch zu einer Falle werden können. Ich meine, dass natürlich die Jesuiten, aber auch die Kollegsgemeinschaft noch Zeit brauchen, um die Ungeheuerlichkeit der Vorgänge aus der Vergangenheit in ihrer ganzen Dimension zu erfassen. Das Hören auf die Opfer ist, wie mir scheint, unsere erste Aufgabe; und hier liegt auch die Chance bereit, die uns durch das Sprechen der Opfer gegeben ist. Deswegen rede ich gar nicht so gern von Krisenmanagement, sondern von Herausforderungen, die sich uns hier zeigen.

Die Rektoren, Schul- und Internatsleiter der drei Jesuiten-Schulen treffen sich diese Woche zum Austausch. Am 12. April wird es bei uns am Kolleg einen (kleinen) pädagogischen Tag geben, der vor allem der Information und dem Austausch von Lehrern und Erziehern dient. Die Gremien des Kollegs werden (wie schon der Elternbeirat) zusammenkommen. Im November werden wir voraussichtlich die Herbstferien um einen Tag verlängern und hier einen zusätzlichen Pädagogischen Tag abhalten, der dann intensiv auf Konsequenzen schaut. Es wird wichtig sein, externen Rat und Kompetenz einzubinden.

Grundsätzlich werden wir wohl über folgende Aspekte reden:

Das ist eine erste Sammlung von Themen, die sicher noch zu ergänzen ist.

Anbei finden Sie ein Interview, in dem Pater Provinzial Stefan Dartmann SJ seine Sicht und die Position der Jesuiten darlegt. Wir haben außerdem auf unserer Homepage www.kolleg-st-blasien.de unter dem Menüpunkt „Informationen / Thema Missbrauch“ eine Auswahl von Artikeln, Interviews und Meinungsäußerungen zusammengestellt, die aus unserer Sicht hilfreich sein können.

Noch einmal sage ich von Herzen Dank für Ihr Vertrauen und für Ihre Unterstützung – ausdrücklich auch im Namen von Herrn OStD Bernhard Schmidle und Pater Axel Bödefeld SJ. Für Rückfragen stehe ich jederzeit zur Verfügung.

Ich freue mich auf die Begegnungen am Pfingstfest, wo wir sicher auch den Raum haben werden für weitere Informationen, für Austausch und Diskussion.

Mit herzlichen Grüßen


P. Johannes Siebner SJ
Kollegsdirektor

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